Wohin mit unserer digitalen Gesellschaft?

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Im neuen Buch von Rosenberg und Schmidt „How Google works“ wird nun die sogenannte „Work-Life-Balance“ auf die Probe gestellt. Sie sei ein Begriff aus dem Industriezeitalter, heutige Leben seien nicht mehr „ausbalanciert“. Da hat Eric Schmidt wohl recht. Die Frage ist aber eher, ob eine Gleichmäßigkeit von Arbeit und Freizeit für uns immernoch erstrebenswert ist, oder ob man diese heutzutage schlicht abschreiben muss.
 
Natürlich sind Manager nicht dazu da, einem Mitarbeiter eine möglichst kurze Arbeitszeit zu ermöglichen. Ich meine aber, wir sprechen heute nicht über die Arbeitsbelastung an sich, sondern über die fortschreitende Durchdringung der Freizeit mit Arbeitsaufgaben. Zu jeder Zeit, an jedem Ort. Diverse Freiheiten und gute Arbeitsbedingungen sind das eine, die unterschwellige Belastung des eigenen Ichs durch die „ständige Bereitschaft“ das andere, weil man eigentlich nie loslassen kann. Und das wissen besagte Herren auch, sagen es aber nicht.

Zitat Rosenbaum: „Man sollte den Leuten die Freiheit geben, dass sie sich ihre Zeit selbst einteilen können – angepasst an ihre Deadlines und ihren eigenen Rhythmus“. OK, und damit schafft man vielleicht auch, Frauen (oder Männern) die Möglichkeit zu geben, Familienaufgaben mit der Arbeit zu koordinieren. Aber meiner Meinung nach gilt es, mehr denn je aufzupassen, damit wir uns damit im Job nicht verbrennen. Es kann jedenfalls nicht sein, dass überbezahlte Wenigarbeiter das Ideal einer Mutter hochhalten, welche flexibel zwischen 11 und 22 Uhr im Homeoffice arbeitet, dazwischen die Kinder betreut und dann ins Bett fällt. Da darf sich das digitale Zeitalter auch nicht zum Industriezeitalter unterscheiden.
 
Soviel zum Beruflichen. Leider leben wir im Beruflichen wie Privatem mehr denn je in einer Zeit des enthemmten Egoismus und es ist echt traurig zu beobachten, wie diverse Egomanen es als selbstverständlich sehen, in der Öffenlichkeit aufzutreten. Man erlebt Banker, die sich ihren unrühmlichen Abgang mit Boni vergolden lassen und einfach darauf spekulieren, dass das gemeine Volk das schon bald vergisst. Und man sieht sich TV-Sender an, die diesem Volk die Lebensart von dekadenten Millionären vorspiegeln, als sei das erstrebenswert. Interessant, dass sich auch die Leute, welche das durchschauen, sich von dem abwenden und sich alles gefallen lassen. Das ist zwar kein vordergründiges Defizit der allgemeinen Digitalisierung, hängt aber damit zusammen. Denn Brot und Spiele war gestern, heutzutage ist das Ganze durch ein neues Handy und genügend Content ersetzt. Das Smartphone bildet die direkte Pipeline zur naiven Vierzehnjährigen, die den medialen Schrott als bare Münze nimmt.
 
Garniert mit der Erkenntnis, dass uns Geheimdienste und Behörden längst beobachten und das ziemlich genau. Und die Konsumwirtschaft. „Werbepartner“ bezahlen mittlerweile eine Menge für Einblendungen auf diversen Portalen. Wer dann noch mehr Pech hat, der wird Opfer von kriminellen Aktivitäten und bekommt dubiose Rechnungen nach Hause geschickt. Neben anderen hat Sascha Lobo die Netzgemeinde zuletzt schon heftig kritisiert und fordert nun, das Internet in Zeiten des NSA-Skandals zu „reparieren“. Fern jedoch (auch bei ihm) ein wirkliches Rezept dazu. So einfach ist das dann auch nicht, wenn ein Medium aus den Universitäten in den Achtzigern in die Breite geht und heute allgegenwärtig ist.
 
Hoffentlich hab‘ ich euch damit die Laune nicht verdorben, etwas Kritik und Hintergrund muss aber sein. Sucht euch euren Wunschjob heraus und legt euch meinetwegen genügend Accounts an. Mach ich ja auch. Und schliesslich möchte heute niemand darauf verzichten, mit anderen über die Ferne zu kommunizieren und Inhalte zu teilen. „Unser“ Netz ist auf der Haben-Seite eine bis dato ungekannte Quelle für Austausch und Bildung. Und sollte eben auch ein Platz von Demokratie bleiben. Seien wir bitte also nicht einfach so Lemminge und zufrieden, sondern fordern wir unsere Belange ein! Hat doch früher auch schon gegolten, oder?
 

Swen Hopfe

 

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